Das Natternhemd
oder "Der Mann mit dem weißen Schal"
(Roman aus Deutschlands dunkelster Vergangenheit.)
Wie die Nattern ihre alte Haut abstreifen – das Natternhemd - und in eine neue schlüpfen, so versucht ein ehemaliger SS-Offizier seine Vergangenheit abzuwerfen und eignet sich eine neue Identität an. Er hat kurz vor Ende des Krieges vier Soldaten erschießen lassen, weil sie angeblich Deserteure waren. Er eignet sich das Soldbuch eines der Erschossenen an, um unter dessen Namen ein anderes Leben zu beginnen. Das Schicksal meint es gut mit ihm, und er kann sich eine tragfähige Existenz aufbauen.
Das Schicksal führt ihn aber auch mit Personen zusammen, die zu den Unwerten, Minderwertigen oder gar Feinden zählten. Das hatte er auf der ADOLF-HITLER-SCHULE gelernt. Er macht einen harten Lernprozess durch und erkennt die Haltlosigkeit der nationalsozialistischen Rassentheorie. Im Gegensatz zu vielen davongekommenen Nazis steht er am Ende zu seinen Taten, ohne sie zu leugnen oder zu beschönigen.
„Bitte, schreiben sie hier ihren Johann Ferdinand Träger hin“, sagte er.
Dann kam es: Ich will meinen Namen schreiben. Johann ging noch recht flüssig. Auch den Ferdinand kriegte ich hin. Dann setzte ich zum T von Träger an. Da fing es an. Die Hand zitterte, als hätte ich einen Stromstoß abgekriegt. Dabei war mein Kopf ganz klar...“
„Ein Soldatenstiefel“, stellte Wolfgang sachkundig fest. Heiner fügte hinzu: „Mit einem Bein darin.“
Der Stiefel und das Bein gehörten einem jungen Soldaten, viel zu jung, als dass er nun leblos in der Erde lag. Im Krieg gelten jedoch andere Gesetze. Dem Tod waren Sonderrechte eingeräumt. Er brauchte keinen Grund, etwa einen Unfall, einen Schlaganfall oder ein Krebsgeschwür, um zuschlagen zu können. Für ihn gab es nur einen Grund, der hieß Krieg. Der gab ihm Generalvollmacht ohne die Auflage, Rechenschaft ablegen zu müssen.
Sie litt wie alle. Sie hungerte mit allen. Sie schuftete mit allen anderen. Sie war eine von ihnen. Ein winziges Licht, das zwar nur wenig Finsternis vertreiben konnte, jedoch sie war Licht. Sie war die große Mutter, Zuflucht aller Getretenen und Verzagten im Lager. Mutter, Urbild des Lebens, menschlicher Liebe, Zuversicht und Kraft. Sie war zur Madonna im Elend mit dem Strahlenkranz aus Stacheldraht geworden.
Dieser Intellektuelle war ein unrühmliches, vielleicht gar typisches Beispiel für Vergangenenheitsbewältigung nach dem Ende des Hitlerregimes. Hier versuchte ein Mensch, selbstverständlich reinen Gewissens, seiner Vergangenheit verlogen den Lorbeerkranz von Redlichkeit wie eine Krone auf den Kopf zu setzen. Ekelhaft, wenn ein Idealist sich als Charakterschwein entpuppt.
„Keine Aufregung, mein Herr. Wer im Wolfsrudel aufgewachsen ist, vertritt angeborene Wolfsmeinung und benimmt sich wie ein Wolf. Wer im Nationalsozialismus erzogen wurde, hat Auffassungen eingetrichtert bekommen, über die andere den Kopf schütteln, und handelt danach.“
edition hübscher, Bamberg. ISBN 3-924983-26-7; 978-3-924983-26-0


